Erhard Goller

Die Saison 2010:

Die Legende wird fortgeschrieben

 

2010-12-22


















































































 

Cape Epic: Lucky und happy

Das mit dem Glück ist so eine Sache. Im Deutschen bezeichnet das Wort zwei verschiedene Dinge. Einmal einen positiven emotionalen Zustand und das andere Mal einen Zufall, der einem in die Karten spielt. Insofern kann man durch Glück auch Glück empfinden. Im Englischen wird da getrennt, da spricht man einmal von „happy“ und das andere Mal von „lucky“. Stefan und Karl waren bei der Cape Epic einerseits lucky und dann happy.
Das Pech des einen ist oft das Glück des anderen. Bei der Cape Epic 2010 hatten zum Beispiel Sauser/Stander Pech mit unwirtlichen körperlichen Zuständen, Lakata/Evans mit Defekten. Über Pech im Allgemeinen und Pech im Sport, Schrägstrich Mountainbike-Sport, kann man lange philosophieren und manches Pech ist auch vermeidbar, also auch kein Zufall mehr. Und dann heißt es auch: Ein Unglück kommt selten allein.
Vielleicht hat das Bulls-Duo einfach die beste Pech-Vermeidungsstrategie entwickelt. Vielleicht haben die beiden Jungs unausgesprochen einen inneren Plan entwickelt, der ein unerfreuliches Ereignis nicht zum Ausgangspunkt einer negativen Spirale werden lässt. Das wäre mithin eine wahre Kunst und viel deutet darauf hin, dass es so ist.
Der dritte gemeinsame Sieg für das Bulls-Duo schreibt jedenfalls die Legende fort. Die des Cape Epic und die der aktuell weltbesten Paarung für Etappenrennen.


Schon auf Zypern hatte ich ein gutes Gefühl, die Form war im Kommen und wir reisten mit Zuversicht nach Südafrika. Dass wir das Ding dort zum dritten Mal abgeschossen haben, das ist unglaublich. Emotional war es wieder was ganz Besonderes. Klar, es kommt nicht an den ersten Sieg 2007 heran, das erste Mal ist einfach das Eindrücklichste. Drei Mal das Cape Epic gewonnen zu haben, das macht mich persönlich schon stolz. Wir schreiben die Geschichte des Cape Epic mit und die Akzeptanz in Afrika ist Wahnsinn.

Der Schlüssel zum Erfolg lag in diesem Jahr sicher hauptsächlich in unserer großen Erfahrung, einer gewissen Gelassenheit, die wir uns angeeignet haben und auch einem großen Haufen Glück. Stage nine, die „neunte Etappe“, sprich die Party, die wir im Mojos Restaurant initiiert haben war wieder ein spezielles Highlight, das gehört beim Cape Epic einfach dazu. 250 Leute waren da.

Danach bin ich mit Bettina übrigens in die Flitterwochen geflogen. Oder sagen wir Woche- ohne ‚n’. Blockhütte in Äkäslompolo in Finnland. War ein bisschen der Temperaturschock, aber es war großartig. Langlaufen, Motorschlitten fahren, wunderbar.


Im ehemaligen Revier

Der Wettkampfkalender April und Mai hatte für Stefan wieder ein Intermezzo mit seiner Vergangenheit als Cross-Country-Fahrer vorgesehen. Und mittlerweile wirken diese Zwischenspiele bei Stefan wirklich wie ein Besuch eines Ex-Mitarbeiters in seiner alten Firma. Man tummelt sich im ehemaligen Revier, trifft langjährige Bekannte, Freunde, fachsimpelt ein wenig, hat jedoch nichts zu verlieren. Sicher auch wenig zu bestellen, aber das muss man auch nicht. In Münsingen Platz 28, in Heubach Rang 26 und in Offenburg 73. Allesamt auch Plattformen für Testläufe mit dem 29-Zoll-Bike. Dass Stefan nach dem Weltcup im Badischen von der „vierten Dimension“ spricht, die mancher Konkurrent im Fight um die hinteren Positionen durch die Wettkampfbrille erahnen mag, zeigt, wie distanziert er das Geschehen auf dieser Bühne betrachten kann, selbst wenn er ein Teil davon ist.

Zwischendrin war noch der Singen Bike-Marathon und der Gardasee-Marathon. In Singen brachte Stefan eine prächtige Form an den Start und wäre Lokalmatador Tim Böhme nicht sein Teamkollege gewesen, den es galt auf dem Weg zum Sieg zu beschützen, dann wäre der Herr Sahm wohl der schärfste Konkurrent für den Herrn Böhme gewesen. Stefan kontrollierte das Geschehen jedenfalls von A bis Z. Acht Tage zuvor, am Gardasee war die Form noch nicht da und Stefan musste früh abreißen lassen.


Ab Münsingen war eigentlich schon alles auf die TransAlp ausgerichtet. Die Cross-Country-Rennen habe ich genutzt um den Titan-Prototypen des Bulls 29er zu testen- auch im Blick auf die TransAlp. In Münsingen hatte ich den ersten Test und ich habe sofort den Eindruck gewonnen, das wird was. Und es hat sich dann Woche für Woche auch bestätigt, obwohl der Rahmen natürlich noch einen dicken Hüftgürtel hatte.

Bei den XC-Rennen konnte ich auch mal wieder mit den Jungen im Team zusammen sein. Die Ergebnisse haben da eigentlich keine Rolle gespielt. Gardasee, das war so ein Mischmasch, aber in Singen war ich gut drauf. Da konnte ich dem Tim richtig gut helfen.


Formkurvenberechnung geht auf

Die Trans-Germany war der Auftakt für die nächste Zündstufe in Richtung TransAlp-Sieg, eine Art Durchlauferhitzer. Als Helfer für Tom Dietsch benutzte Stefan als weiteren Baustein in Richtung TransAlp. Es fehlten noch die Leistungsspitzen, um Tempoverschärfungen mitzugehen. So war es am Ende Platz sechs. Bei der Marathon-EM in Montebelluno hatte er nach 30 Kilometern einen Durchschlag, konnte zwar noch einmal zur Führungsgruppe aufschließen, verlor aber nach gut 60 Kilometern den Anschluss und wurde schließlich 20. Kein Ergebnis, das ihn glücklich machte, aber das hat der erfahrene Rennfahrer dem jüngeren voraus: Nicht verrückt machen lassen, den eingeschlagenen Weg weiter gehen und beim nächsten Rennen erkennen, dass es passt. Im stark besetzten Feld des Dolomiti Superbike war der siebte Platz das Signal, dass Formkurvenberechnung aufgegangen war, die Amplitude saß an der richtigen Stelle. Und gleichzeitig war das Ergebnis dort der Hinweis, dass die Konkurrenz bei der TransAlp richtig hart werden würde. Die ersten vier Etappen hauten ihren Stempel auf diese Einschätzung, Karl und Stefan hatten zu kämpfen, den Schweizern Buchli/Stoll, den Italienern, sowie Kugler/Genze Paroli zu bieten. Dann setzte sich auf turbulenten Etappen wieder einmal die Konstanz und die Sicherheit der beiden Bulls-Fahrer durch, die zuvor die Ruhe bewahrt hatten. Siehe Cape Epic.


Für die TransAlp hatten wir uns viel vorgenommen, nachdem wir 2009 ja wegen Karls Schulter aussteigen mussten. Aber eigentlich war es bis einschließlich zur vierten Etappe nur Schadensbegrenzung. Karl ging es bis dahin nicht so gut. Dann hat er sich gefangen und wir waren dabei. Es kann immer was passieren, davor ist man nie sicher und ich weiß, dass die TransAlp erst in der zweiten Wochenhälfte entschieden wird. Wenn Du alles riskierst, kann es auch schief gehen, wie das Beispiel von Buchli/Stoll gezeigt hat, die auf der 7. Etappe volles Risiko gegangen sind. Aus meiner Sicht hat bis zur TransAlp eigentlich alles optimal hingehauen, zwei von drei Saisonhöhepunkten haben wir gewonnen. Auch die Wahl des 29ers für die TransAlp war genau richtig. Das Ding hat perfekt funktioniert und uns den einen oder anderen Vorteil verschafft.


Das System kippt und reorganisiert sich

Nur zwei Wochen nach dem TransAlp-Triumph stand die Marathon-WM in St. Wendel im Kalender. Für Stefan das Saisonhighlight Nummer drei. Die Form war auf die Spitze getrieben und genau da kippte das System. Er wurde krank, ging dennoch an den Start. Vergebliche Liebesmühe. Nach der Hälfte der Distanz fiel er zurück und beendete die Weltmeisterschaft auf Platz 29. Auch die Trans-Schwarzwald fiel in die Rubrik „Abhaken“. Nachdem Karl per Infekt schon vor dem Start ausgefallen war, meldete sich Stefan zum Solofahrer um. Doch schnell war klar, dass er noch immer nicht fit war. So beendete er nicht einmal die erste Etappe und reiste nach Hause, um das System zu reorganisieren und auf die Marathon-DM vorzubereiten. Die Premiere der Trans-Zollernalb diente als Vorbereitung. Drei schnelle Etappen machten die Beine geschmeidig. Stefan wurde Achter und fühlte sich für die DM gut vorbereitet. In Biebertal war das allerdings nicht viel Wert, denn Stefan holte sich auf einer Schotterpassage seinen ersten Saisonplattfuß. Nach drei Minuten Reparaturpause begann eine 75 Kilometer lange Solofahrt, ohne Chance auf den Anschluss an die Spitzengruppe. Rang sechs war ein bescheidener Lohn für die starke Form und den Kampfgeist, den er unter Beweis stellte. Wie die Verfassung tatsächlich war, das konnte man beim Roc d’azur besichtigen. Platz fünf war ein starker Schluss-Strich unter eine starke Saison. Mit vielen glücklichen Momenten. So oder so!


Eigentlich war nach der TransAlp alles safe. Dass ich krank geworden bin, vielleicht ist das auch kein Zufall. Schließlich war es 2009 auch schon so. Wenn ich mich körperlich und psychisch in meinen Grenzbereichen befinde, dann bin ich anfällig für Infekte. Ich hab’s in Sankt Wendel probiert, aber wenn es nicht die Heim-WM gewesen wäre, dann wäre ich ausgestiegen. Bei der Trans-Schwarzwald hat sich dann gezeigt, dass der Körper noch nicht wieder wollte. Also habe ich Pause gemacht und für die DM neu aufgebaut. Das hat auch super funktioniert und ich war in richtig guter Form. Ohne Defekt wäre viel möglich gewesen. Das hat sich dann beim Roc d’azur gezeigt. Da habe ich viel Dampf gehabt. Na ja, insgesamt war das für mich eine erfolgreiche Saison. Zwei von drei Zielen habe ich erreicht. Der Anspruch bei allen Rennen vorne dabei zu sein, der funktioniert nicht mehr. Das Niveau wird immer krasser. Aber jetzt konzentriere ich mich erst mal auf den nächsten Höhepunkt, die Geburt unseres ersten Sprösslings. Die Vorbereitungsphase läuft, das Glück wartet schon auf uns.