Erhard Goller

Die Saison 2009:

Episches Drama mit Happy-End


2010-01-22




Bild: Armin M. Küstenbrück




































































































































Episches Drama mit Happy-End: Zweiter Sieg in Südafrika

Epik, das ist erzählende Literatur und das Cape Epic schreibt jedes Jahr tatsächlich unendlich viele Geschichten, die zu erzählen wert sind. Für Stefan war das Cape Epic 2009 ein Drama. Aber eines mit Happy-End. Das ist in den einzelnen Erzählungen der Etappen nachzulesen. Weltmeister Christoph Sauser und den Südafrikaner Burry Stander, der ein halbes Jahr später U23-Weltmeister wurde, gemeinsam mit Karl hinter sich zu lassen, das war schon ein Meisterstück. Gewiss haben die beiden Bulls-Piloten - sagen wir mal so - von der Materialwahl und der Unerfahrenheit von Stander profitiert, doch das Handicap von Karls lockerem Kugellager in der Haltevorrichtung muss man dagegen halten.

Die Zerreißprobe endete mit dem zweiten Sieg, den sich Stefan ans Revers heften kann. Damit haben Karl und er am Kap ein weiteres Kapitel an der eigenen Legende geschrieben. Das ist übrigens auch eine Form der Epik, eine didaktische, heißt lehrende Form. Was daraus zu lernen ist? Viel. Sehr viel.

Dass man sich von Tiefschlägen (1. Etappe) nicht entmutigen lassen sollte. Dass Erfahrungen sammeln und sie nutzen ein wesentlicher Teil einer erfolgreichen Gestaltung von Sport und Leben sind (die Wahl des Materials und der Taktik). Dass Freundschaft und daraus resultierendes Teamwork ein unschätzbares Gewicht besitzen (der Umgang mit Karls Handicap). Und dass das Leben und der Sport auch in aussichtslos scheinenden Situationen immer wieder unkalkulierbare Wendungen nehmen (die Fehler der Konkurrenz).


Die Cape Epic 2009 war kurios in allen Belangen. Körperlich war sie für mich die Einfachste, ich hatte Druck in den Beinen wie noch nie und keinen einzigen schlechten Tag. Aber die psychische Belastung war extrem. Gleich am ersten Tag haben wir beim Zeitfahren eins auf den Deckel gekriegt. Karl hat sich die Schulter ausgekugelt, aber auch sonst waren wir langsamer als gedacht.

Trübsal haben wir allerdings nicht geblasen sondern das Ganze analysiert. Vincent Durant, unser Physio, der patente Kerl, hatte großen Anteil. Er sieht die Dinge manchmal einfach gelassener.

Karls Schulter sollte das große Handicap für die Cape Epic bleiben aber wir kamen nach dem Prolog immer besser in Fahrt. Um mit dem Handicap klar zu kommen haben wir mehr geredet als sonst aber trotzdem nicht allzu viel, schließlich soll die Konkurrenz nicht merken, dass man Probleme hat.

Die vierte Etappe war ein verrückter Tag. Eigentlich hatten wir gegen Sauser/Stander keine Chance aber dann hat Stander sein Vorderrad geschrottet. 1,5 Kilometer vor dem Ziel lagen wir alleine in Führung, als Karl in einem Bachbett die Schulter wieder raus gesprungen ist. Zufällig hatte mir Vincent vor der Etappe gezeigt, wie ich sie wieder einrenken kann. Karl hat sie selbst nicht rein gebracht und da hab’ ich Hand angelegt. Fragt mich nicht wie ich das gemacht habe, aber es hat geklappt. Mit dem ganzen Adrenalin im Stoffwechsel. Wir sind ins Gelbe Trikot gefahren und Sauser/Stander haben noch eine Zeitstrafe bekommen für unerlaubte Annahme von externer Hilfe.

Den Rest haben wir mit Routine gemeistert. Allerdings war Karls Schulter eine ständige Zitterpartie und ziemlich Nerven aufreibend. Deshalb war es ein ungeheuerliches Gefühl, als wir es geschafft hatten.

Die Resonanz in Südafrika ist übrigens Wahnsinn. Überall weiß man, was die Cape Epic ist, das ganze Jahr über kommt irgendwas in den Magazinen und im Fernsehen.


Drei Cross-Country-Episoden

In Pietermaritzburg, in Münsingen und in Offenburg wurde Stefans Cross-Country-Herz zum Leben erweckt, aber es hat nicht sehr laut geschlagen. Rang 76 in Südafrika war nicht der Rede wert. Beim Bundesliga-Klassiker in Münsingen ging es für Stefan besser. Er war eigentlich gut unterwegs, als er sich im hochkarätig bestückten Feld frühzeitig einen Fahrfehler mit folgendem Sturz erlaubte. Beim Weltcup in Offenburg kugelte sich Karl wieder die Schulter aus und Stefan stoppte, um ihm zu helfen. Dieser Bundesliga-Einsatz (Rang 23) und das Offenburg-Rennen blieben dann aber eine Episode, eine, die in der Saisongeschichte nur eine Nebenhandlung darstellte, ohne Einfluss auf den Rest.


Pietermaritzburg, das war im Nachhinein ein Fehler. Wir haben das ins Programm genommen, weil wir sowieso in Südafrika waren. Nach der Cape Epic bin ich aber in ein Loch gefallen, hatte keine Motivation mehr, fühlte mich urlaubsreif, auch im Kopf.
In Münsingen bin ich eigentlich gut vorwärts gekommen. Es war ein blöder Fehler, eine falsche Linie, bin auf einen Stein gefahren und im Eifer des Gefechts ist das Vorderrad weg gerutscht.
In Offenburg hat sich Karl wieder die Schulter ausgekugelt. Ich habe deshalb angehalten, aber ich hatte da auch nichts mehr drauf. Auch der Marathon in Riva, wo ich nur Neunter geworden bin war noch so ein Ausläufer.

Danach habe ich eine vierwöchige Pause gemacht, um mich auf die DM vorzubereiten. Ich habe da so ein Programm, da weiß ich, so komme ich in Form.


Die Marathon-DM- fünfte nationale Medaille

Ein Märchen ist die Deutsche Marathon-Meisterschaft auch 2009 für Stefan nicht geworden. Als er in Singen 2008 Zweiter geworden war, da hatte er für Garmisch den Griff nach Gold angekündigt. Das Orakel wurde nicht Tatsache, da unterscheidet sich dann Fiktion von der Wirklichkeit. Nicht, dass die Zielsetzung vermessen gewesen wäre, gewiss nicht. Aber an Erfolgsstorys sind eben mehrere Leute beteiligt und an Jochen Käß und Tim Böhme war an diesem Tag kein Vorbeikommen. Trotzdem: Es war für Stefan die fünfte Medaille bei einer DM, die dritte bei einer Marathon-Meisterschaft und damit steht er als einer der erfolgreichsten deutschen Mountainbiker in den Annalen. Der fünfte Platz beim Marathon in Willingen ist da eher eine Randnotiz.


Mit der Bronzemedaille bei der DM bin ich eigentlich zufrieden. Mehr ging an diesem Tag nicht. Am Anfang habe ich mich überhaupt nicht wohl gefühlt, dann aber doch die Initiative ergriffen. Und es ging. Als Jochen mit Thorsten angriffen, da konnte ich allerdings nicht mit. Ich habe Tim hinterher geschickt, weil er an diesem Tag einfach der Stärkere war. Ich bin sogar überzeugt, dass er hätte gewinnen können, wenn er ein wenig mehr riskiert hätte.

In Willingen bin ich kaputt gegangen. Nach zwei Runden lag ich zusammen mit Tom auf Platz drei, dann hat es mir den Stecker gezogen. Das war mal wieder eine körperliche Grenzerfahrung.


Trans-Germany – Helfer für das Gelbe

Bei der Trans-Germany übernahm Stefan eine Helferrolle, wie man sie von Straßenrennen kennt. Thomas Dietsch hatte seine Ambitionen auf den Gesamtsieg klar gestellt und sein Teamkollege ackerte für dieses Ziel. Er tat es bravourös und in dieser Rolle arbeitete sich wieder einmal ein wesentlicher Teil seines Wesens an die Oberfläche. Sich für andere einsetzen, sich selber zurück stellen, das ist eines von Stefans Charaktermerkmalen. Wenn es um den eigenen Erfolg geht, ist das bisweilen hinderlich, wenn es dagegen um die Unterstützung des Teamkameraden geht, dann kann der sich glücklich schätzen. Insbesondere auf der Etappe, als Karl mit einem taktischen Fauxpas für eine ganz besondere Dramaturgie sorgte und Stefan fast alleine das Gelbe Trikot von Thomas sicherte, war eine pure Willensleistung und das nicht im ureigenen Interesse. Chapeaux.


Mir war es ja ganz recht, dass Tom auf die Gesamtwertung fahren wollte. Ich hatte keine Motivation auf Ergebnis zu fahren. Aber es hat Spaß gemacht ihm zu helfen, Karl hat an seiner Schulter laboriert und Tim war nicht so fit.

Auf der vierten Etappe hat Karl attackiert und Jochen mitgenommen. Virtuell war der das Gelbe von Tom schon fast weg. Jetzt war die Frage: was machen? Fährst du hinterher, lachen sich die anderen kaputt, fährst du nicht, dann ist das Gelbe in Gefahr. Also bin ich 30 Kilometer von vorne gefahren. Ich war nicht so stark wie Jochen vorne, dann hatte ich auch noch Plattfuß. Was habe ich geflucht auf dieser Etappe. Ich hatte Karl noch hinterher gerufen, „was willst du machen“, aber der hat durchgezogen. Tom hat dann auch noch selber gearbeitet und wir haben es geschafft. Da gab es hinterher dicke Luft und Karl war ziemlich bedröppelt. Das war schon eine spezielle Situation für das Team, aber wir haben uns zusammen gerauft. Auf den beiden letzten Etappen war dann ziemlich „Rush hour“, aber wir haben Tom in Gelb ins Ziel gebracht.


Trans-Alp 2009- eine Sackgasse

Die Absage der ersten Etappe wegen Schneechaos war für Stefan und Karl schon ein Omen. Nach dem fünften Abschnitt beendeten die Titelverteidiger das Unternehmen. Das war der Gesundheit von Karl geschuldet und eine Vernunftsentscheidung. Auf der fünften Etappe hat der Weg ins Gelbe Trikot in eine Sackgasse geführt. Zu einem Oskar reifen Plot gehören halt auch Enttäuschungen und Niederlagen, aus denen der Held dann wieder zu alter Stärke zurück findet.


Das war ein kurioses Rennen. Wir haben uns auf der dritten Etappe noch zurück gehalten, auf der fünften dann richtig gut unterwegs und auf dem Weg ins Trikot. Aber auf der langen Abfahrt sind wir dann mehr runter gestolpert als gefahren. In kürzester Zeit haben wir wieder eineinhalb Minuten verloren. Dann hatten wir einen Plattfuß und große Probleme beim Flicken. Wir haben es dann doch hinbekommen und dann steht, nur 50 Meter weiter, quasi um die Ecke, Simone mit einem Ersatzlaufrad. Das hat Karl irgendwie das Genick gebrochen. Es war eine schwere Entscheidung aufzugeben, aber sie war richtig.


Trans-Schwarzwald – Payback-Time

Der Sieg bei der Trans-Schwarzwald, das sagt Stefan ohne große Umschweife, war einer von Thomas Dietsch’ Gnaden. Das Bulls-Duo lag gleichauf, als Thomas ihn fahren ließ. Als Dankeschön für die Unterstützung bei der Trans-Germany. Insofern war das Payback-Time für Stefan. Aber um den Sieg nicht allzu sehr zu relativieren: Den Rest der Konkurrenz konnte er beim Schwank im Schwarzwald souverän distanzieren.

Zuvor hatte das Team, mit Tim und den beiden Youngstern Simon und Marcus Rang zwei beim 24-Stunden-Rennen am Nürburg-Ring belegt. Nach 24 Stunden war es ein taktischer Kniff, der die Entscheidung zugunsten von Bart Brentjens und seiner Crew brachte. Der Wechselort war freigestellt und die Holländer verlegten ihn beim vorletzten Wechsel vor die Ziellinie, so dass sie kurz vor dem Ziel noch einmal den Fahrer tauschen konnten. Ein frischer Bart Brentjens setzte sich gegen Stefan durch.


Wir haben uns am Nürburgring schon geärgert. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die noch einmal wechseln können und auf der Zielgerade waren so viele Leute unterwegs. Ich bin durch gespurtet, aber Bart ist doch irgendwie an mir vorbei gekommen, obwohl ich gleich angetreten bin, als ich gesehen habe, die wechseln. Na ja, muss man akzeptieren. 24-Stunden-Rennen sind jedenfalls eine super Sache, für’s Team, aber auch für uns. Die beiden Jungen sind gut gefahren.

Die Trans-Schwarzwald war eigentlich eine Vorbereitung für die WM. Ich bin zum ersten Mal ein Etappen-Rennen alleine gefahren, von daher kann ich nicht sagen ob sie wirklich schwer war. Allerdings hat mein Teamkollege das Rennen schwer gemacht. Der Tom kann einfach nicht langsam fahren. Er wollte seine Form testen für die WM. Insgesamt war es aber lustig. Dankeschön an Tom, der mich am letzten Tag hat fahren lassen.

A propos WM: Da war ich krank und habe nach dem ersten Berg aufgegeben.



Die EM in Estland - ein unrühmlicher Abschluss

Von der Europameisterschaft in Estland nahm man in der Mountainbikeszene nicht sehr viel Notiz, schon wegen des zeitgleichen Weltcupfinales in Schladming. Vielleicht ist das auch gut so. Den Namen des neuen Europameisters kennt man nicht, den des Zweiten auch nicht, beides Esten. Gemessen am Sportlichen war Estland keine Reise wert, das Rennen gehört eher in die Kategorie Satire denn ein ernstes Stück und als solche ein unrühmlicher Abschluss der echten Wettkampfsaison. Eine Strecke, flach wie ein Brett, ohne jeglichen technischen Anspruch. 35 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit, nach 2:30 Stunden war’s vorbei. Für Stefan und alle anderen Mitfavoriten war das einfach zum Abhaken.

Bei der Alb-Gold-Trophy wurde die Spitzengruppe - ohne Stefan - auf eine kürzere Runde geschickt, so dass er mit einer halben Stunde Verspätung ankam. Zum Saisonabschluss beim Roc d’azur war Stefan mit seinen Gedanken schon ganz woanders, so dass er sein Ergebnis aus dem Vorjahr nicht wiederholen konnte.
Mit seiner Hochzeit feierte Stefan mit Bettina aber ein echtes Hollywood reifes Happy-End der Saison 2009.


Estland ist topfeben, das weiß ich jetzt. Die Esten sind alle mit Starrgabel gefahren und im Startgetümmel waren schon zwei weg. An der ersten Verpflegung hat man uns das gesagt und da hatten die schon zwei Minuten. Die Favoriten haben sich angeschaut und alle dachten, der Kirsipuu muss es machen. Hat er aber nicht. Na ja, immerhin konnten wir noch Tallin anschauen, das war ein versöhnlicher Abschluss.

Beim Roc d’azur lief nix, da war ich schon in der Vorbereitungsphase für mein persönliches Saisonhighlight, die Hochzeit mit Bettina. Am 4. September hatten wir uns schon auf dem Standesamt getraut. Am 17. Oktober haben wir dann kirchlich geheiratet. Insofern hatte ich einen grandiosen, unübertrefflichen Saisonabschluss.