Erhard Goller

Die Saison 2007: Ein Panoramaflug

 

2008-01-02































































Der erste Eindruck prägt, sagt man. Für die Saison 2007 gilt das auf jeden Fall. Ab dem 31. März waren Sahm und Cape-Epic eins, zumindest in einem Atemzug. Wann immer das weiß-schwarze Bulls-Trikot irgendwo auftauchte war binnen kurzer Zeit auch vom „Cape-Epic-Sieger“ die Rede. Der Sieg in Südafrika war die Brille, durch die man das Wettkampf-Sahmelsummerium 07 betrachten muss. Diesem grandiosen Einstieg in die Bulls-Premieren-Saison folgte ein starkes, sehr starkes Frühjahr. Demgegenüber steht - ein ehrlicher Schwabe muss ja Haare in der Suppe finden - ein letztes Saisondrittel, in dem sich die Energie dem Ende zuneigte. Begeben wir uns auf den Panoramaflug von März nach Oktober mit insgesamt 44 Wettkampftagen. Ein persönlicher Rekord und gleichzeitig Ursache für den Sinkflug in Richtung Herbst.

Cape Epic: Ein Heldengedicht

sunshine-cup #1: Defekt - race under the sun: 5.
marathon weltcup gran canaria: 12. -
cape epic: 1. mit Karl

Einen Sprint zu gewinnen, das war schon mal bemerkenswert, nachdem der letzte entscheidende Sprint 2006, bei der Marathon-DM, verloren gegangen war. Beim „race under the sun“ auf Zypern bezwang Stefan seinen Ex-Teamkollegen Roel Paulissen im Duell um Platz Fünf. Auch Platz Zwölf auf Gran Canaria deutete an, dass der Formaufbau was werden könnte. Den Schlüssel für ein erfolgreiches Frühjahr hatte er damit in der Hand und in den acht Tagen Südafrika schloss er gemeinsam mit Karl und Friedemann das Tor auf, ließ die Zugbrücke runter und startete mit einem Knalleffekt ins erste Jahr mit Bulls. Okay, der Mechanismus klemmte hin und wieder. Aber genau das verursachte über acht Tage eine Dramaturgie, die für’s Publikum so mitreißend war. Die sympathischen Underdogs, die sich großartig verkaufen, scheinbar zum ewigen Zweiten werden und doch wieder die Führung erobern. Hätte man die siebte Etappe so erfunden, das Drehbuch wäre als zu konstruiert abgelehnt worden. Pedalbruch, selbstlose Hilfe, wütende Aufholjagd, Krise bei der Konkurrenz (Fuglsang), eine Menge Stoff für ein epic poem, ein Heldengedicht. Die Bilder von atemberaubender Landschaft und emotionalen Explosionen ver-dichteten die Geschichte zu einer unvergesslichen Acht-Tages-Reise, die über die gesamte Saison hinweg schwappte.

Ganz klar, die Cape Epic steht über allem. Emotional wie sportlich. Es hat riesig Spaß gemacht, weil ich mich mit Karl extrem gut verstehe und weil wir mit Friedemann ein ideales Dreiergespann bilden. Der Sieg war ein absoluter Knaller, weil ich bei der Besetzung nie und nimmer damit gerechnet habe. Es war die beste Woche Rennsport in meiner Karriere. Und es war für unser neues Team wichtig, weil man das Projekt zum Teil kritisch gesehen hat. Es hat uns in der Szene, bei der ZEG und bei unseren Sponsoren ein Standing gegeben. Und Sicherheit für den Rest der Saison. In Südafrika hat sich auch die Veränderung im Training bemerkbar gemacht, die ich mit Toni als Konsequenz aus 2006 vorgenommen habe. Mein Grundlagenniveau hat sich dadurch noch einmal erhöht und Intensitäten überstehe ich besser.

bundesliga münsingen: 7. - weltcup houffalize: 17.
gardasee-marathon: 1. - heubach: ausgestiegen

Beim Einstieg in die Cross-Country-Saison zeigte die Cape Epic Wirkung: Emotional und als Trainingseffekt. In Münsingen waren die beiden Bulls-Piloten die besten Deutschen. Platz Zwei für Karl, Rang Sieben für Stefan waren in diesem Weltklassefeld schon bemerkenswert und es deutete schon mal an, dass sich beide auf dem richtigen Weg befanden. Eine Woche später in Houffalize kam die Bestätigung. Die Startphase war nicht so besonders aber dann waren Stefans Rundenzeiten bis zum Ende uhrwerkhaft konstant, relativ zur Konkurrenz wurden sie aber immer besser. Nur drauflegen konnte er nicht, als Torsten Marx von hinten kam. Aber Platz 17 war immerhin das drittbeste Ergebnis seiner Karriere und das bei einem Rennen, in dem wirklich jeder in Topform sein wollte. Eine Woche später ging der Gardasee-Marathon dann wie von selbst. Danach war allerdings Sendepause. Auf dem extremen Terrain in Heubach streikte der Körper. In aussichtsloser Position überließ er seinem Teamkollegen sein Bike, weil der Defekt hatte.

Die Cape Epic hat als Vorbereitung prima funktioniert. Was mir in Münsingen und in Houffalize gefehlt hat, war die Fähigkeit zur Mobilisation. Als Torsten von hinten kam, konnte ich nicht mitfahren. Ich denke, ich muss gezielt noch mehr intensive Sachen machen, wenn es die Wettkampfplanung erlaubt. Auch wenn mir das gar nicht schmeckt. Die Mobilisation in die Tempospitzen, das mag ich einfach nicht. Da bin ich irgendwie ein fauler Hund.

Am Gardasse ging es noch sehr gut, doch in Heubach war ich einfach kaputt.

Stolpern in Schlammlöchern und ein Rennen zuviel

bundesliga albstadt: 15. -weltcup offenburg: 44.
marathon willingen: 1. (zeitgleich mit Karl)
trans germany: 1. (mit Karl) - weltcup mont sainte anne: 21.
weltcup st. félicien: 28.

Der zweite Wettkampfblock wies schon kleinere Tiefen auf. Das Bundesllga-Rennen in Albstadt war keine Enttäuschung, zumal eine Krankheit gerade erst auskuriert war. In Offenburg dagegen hatte sich Stefan mehr versprochen. In der Startloop stürzte ein Fahrer vor ihm und die gute  Ausgangsposition war weg. Danach fand er nie seinen Rhythmus und quälte sich durchs Rennen. Die folgenden Wochen mit dem Marathon in Willingen und der Trans-Germany waren schneller Balsam auf die Seele. In Willingen testeten Karl und Stefan schon mal im Teamfahren und fuhren gemeinsam als Sieger über die Zielline. Die Trans-Germany beherrschten sie souverän. Selten mussten sie an ihre körperlichen Grenzen gehen. Das war in Mont Sainte Anne schon anders. Aber für Stefan lief’s, na, sagen wir mal ordentlich. Platz 21, wieder mit regelmäßig abgespulten Rundenzeiten. In St. Félicien gab es wieder Team fahren mit Karl. Auf den Plätzen 27 und 28 rollten sie in der gleichen  Sekunde ins Ziel. Ingesamt machten beide einen kraftlosen Eindruck.

Ich weiß nicht, was in Offenburg gewesen wäre ohne das Handicap in der Startloop. Ich bin dort von Schlammloch zu Schlammloch gestolpert und habe nie eine Einstellung gefunden. Die Trans-Germany war im Vergleich zur Cape Epic ein Spaziergang aber sie hat sehr viel Spaß gemacht. Dass wir dann nach Kanada geflogen sind, so denke ich im Rückblick, hat uns das Genick gebrochen. Mont Sainte Anne wäre ja noch okay gewesen aber St. Félicien war definitiv zu viel. Davon habe ich mich nicht mehr richtig erholt. Wir haben es versäumt eine Pause zu machen. Aber wenn du im Weltcup ganz gut liegst, dann willst du diese Position auch nicht einfach aufgeben.

Der Trip der Könige

transalp-challenge: 1. (mit Karl) - deutsche meisterschaft xc wetter/r.: 7. -swisspowercup bern: 18. - marathon-wm verviers: 18.

Der Sieg bei der Transalp-Challenge machte Stefan und Karl vollends zu den Königen der Etappenrennen. Sechs Tagessiege wurden notiert. Plus jede Menge Spaß auch mit dem Filmteam rundherum. Und in der Hobbyszene wurden sie zu den Helden schlechthin. Souverän dominierten sie die Partie über die Alpen. Dass einen Tag später die Medaillenvergabe in Wetter an der Ruhr ohne sie von statten gehen würde, war klar. Dennoch: Der siebte Platz war aller Ehren wert. Beim absolut top besetzten Swisspowercup in Bern mischte sich ein Kettenklemmer dazwischen. Nach einer Trainingspause ging die Marathon-WM besser als erwartet.

Das war ein zweites Highlight in dieser Saison. Die Transalp, der Sieg mit Karl und dann der Trip nach Wetter. Großartig wie sich Friedemann hinter den Lenker geklemmt hat, auch mal abgelöst von meinem Freund Frank Holder. Die haben uns die 1000 Kilometer durch die Landschaft gekarrt, das war schon was Besonderes. Und dann sind wir mit den Plätzen Sieben und Acht auch noch eine ganz vernünftige Deutsche gefahren. Überhaupt, die Etappenrennen: Der Kontakt zu den vielen Hobbyfahrern ist toll. Da kommt man mit den Leuten ins Gespräch. Die wollen alles wissen übers Material, übers Training, Essen und so weiter. Das hat echt Spaß gemacht.

Oje, die Luft ist raus

swisspowercup basel: ausgeschieden - weltmeisterschaft xc fort william: 34. - weltcupfinale maribor: 34. - deutsche meisterschaft marathon st. ingbert: 7.
alb-gold-trophy münsingen: 10.

In Basel erwischte es Stefan, wie so viele andere Fahrer auch. Sturz, Schaltungsdefekt und Ende Gelände. Eine Woche vor der WM war das kein gutes Omen. Aberglaube hin oder her, in Fort William ging’s dann auch nicht richtig gut. Rang 34 war nicht miserabel aber es war auch nicht das, was er sich erhofft hatte. „Oje“, zuckte er mit den Achseln. Allerdings war die neu gestaltete Strecke auch nicht zu vergleichen mit dem Kurs, auf dem er 2003 als 15. sein bisher bestes Weltcup-Resultat erzielt hatte. In Maribor war’s die gleiche Platzierung. Ohne den Kurztrip zur IFMA nach Köln einen Tag zuvor, wäre es vermutlich auch besser gegangen. Naja. So lässt sich auch die Marathon-DM und die abschließende Alb-Gold-Trophy zusammenfassen. Einen allzu kritischen Zungenschlag sollte man dabei, nach einer zum Teil famosen Saison, allerdings nicht anwenden.

Ganz klar: im letzten Saisondrittel habe ich den Preis für die vielen Renntage bezahlt. Nach der Transalp war die Luft raus. Auch die vielen zusätzlichen Termine haben Energie gezogen. In Basel bin ich mit den dicken Haxen von der  Eurobike an den Start gegangen. In Fort William konnte ich von meinen Stärken nicht so profitieren, wie ich mir das gewünscht hätte. Da wurde viel taktiert. Und Maribor, naja, was soll ich sagen. Ich bin einen Großteil des Rennens mit Karl gefahren und wir haben das Beste draus gemacht. Als Gesamt-26. war die Weltcup-Saison auch gar nicht so übel, meine zweitbeste nach Platz 20 im Jahr 2003. Bei den Marathons zum Schluss, war dann der Ofen aus. Dennoch war 2007 für mich mit die schönste Saison, die ich als Rennfahrer erleben durfte. Vieles hat einfach gepasst, nach zwei schwierigeren Jahren besonders auch das menschliche Umfeld. Und der Sieg bei der Cape Epic kompensiert so viel, auch dass ich keine DM-Medaille eingefahren habe.




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