Erhard Goller
Streifzug durch das Saisongestrüpp

 


2006-11-01

 


Nur Zwölfter bei der DM, nur 48. bei der EM und gar nicht bei der WM. War’s also eine schlechte Saison? Zweitbestes Weltcup-Ergebnis der Karriere, Deutscher Vize-Meister im Marathon. War’s vielleicht doch eine erfolgreiche Saison? Die Tiefen des schwäbischen Regionalcharakters („ned arg gschimpft isch g’lobt gnuag“) neigen ohnehin nicht zu uneingeschränkten enthusiastischen Jubel-Arien. Also bekommt das Sahm´sche Wettkampfjahr 2006 das Prädikat „ned ganz schlechd“, was übersetzt ins hohe Deutsche so viel heißt wie: Ein durchwachsenes Jahr mit Glanzpunkten.

Hier ein Streifzug durch das Saisongestrüpp:





Erster Knackpunkt Curaçao

weltcup curaçao: 37 - bundesliga münsingen: 15.

Alles schien zu passen, die Vorbereitung hatte gut hingehauen. Mit dem Kurs auf der Karibik-Insel Curaçao kam Stefan prima zurecht, er ging fit und mit einem guten Gefühl ins Rennen. Doch mit einem Sturz nahm das Unheil seinen Lauf. Zuerst verbog es ihm den Schalthebel, später das Lenkerhörnchen. Als er beim Technischen Support das Problem beheben wollte, fand der Mechaniker den entsprechenden Inbus-Schlüssel erst nach einigem Suchen. Ziemlich zerknirscht kam Stefan als 37. ins Ziel. Zu diesem Unglück gesellte sich einen Tag später ein Infekt, der sich als Knackpunkt für die nächsten Monate erweisen sollte. Das nächste Rennwochenende musste er auslassen. Dann fuhr er das Straßenrennen in Schönaich und das zweite Bundesliga-Rennen in Münsingen.

"Die Krankheit hat mich aus der Bahn geworfen. Im Nachhinein würde ich sagen, ich habe mir nicht mehr die Zeit genommen, das aufzuholen, was ich durch den Infekt verloren habe. In Münsingen beim Bundesliga-Rennen hatte ich einfach noch nix drauf. Dann war ich im Wettkampfrhythmus und habe zu wenig trainiert, vor allem zu wenig Grundlage. Die war irgendwie geschrumpft. Ich hätte nach Curaçao mehr machen müssen, quasi noch mal wie im Trainingslager. Dass ich das nicht gemacht habe, hat sich später gerächt."

 



Zwischenhoch in Nals und Heubach

sunshine-cup nals: 12 - bundesliga heubach: 6. - weltcup madrid: 31.

In Nals und in Heubach gab es ein erkennbares Zwischenhoch. Hätte Stefan nicht bereits in der zweiten Runde das Laufrad wechseln müssen, wäre auch ein besseres Resultat heraus gekommen. Das bestätigte sich eine Woche später in Heubach, als er beim BiketheRock Sechster und damit zweitbester Deutscher wurde. Auch Madrid ging für seine Verhältnisse noch ganz gut. Bisher hatte er in der spanischen Metropole ja noch nie ein gutes Ergebnis eingefahren.

"In Nals und in Heubach hatte ich richtig Dampf. Das hat mich optimistisch gestimmt. In Madrid sind zwei Dinge schief gelaufen. Erstens habe ich die Startphase verbockt und zweitens habe ich nicht wie die meisten anderen abgekürzt. Plötzlich waren 150er-Startnummern um mich herum und ich habe gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt. Aber Platz 31 war nicht trotzdem soo schlecht für mich."










Pech, schlechte Form und ein geiles Erlebnis

weltcup fort william: 68. - deutsche meisterschaft albstadt: 12. - swisspowercup grächen: 13. - mountain mayhem 24-stunden-rennen: 1.

Was in Fort William ohne den Sattelbruch in der zweiten Runde raus gekommen wäre, ist Spekulation. Aus der ersten Runde kam er nur als 54. Nachdem das zeitraubende Malheur behoben war wurde er zwar immer besser aber was es wirklich wert war, ist schwer zu sagen. Die Verfassung zwei Wochen später deutet nicht darauf hin, dass in Schottland allzu viel möglich gewesen wäre. Rang Zwölf bei der DM in Albstadt war eine Enttäuschung. Eine Woche später in Grächen ging es ordentlich. Gegen ein Weltklassefeld versuchte es Stefan mal mit einem Katapultstart und setzte sich gleich an die Spitze. Das 24-Stunden-Rennen mit dem Giant-Team war eine Woche später eine harte aber spaßige Aktion. Sie endete für Stefans Quartett mit einem prestigeträchtigen Sieg und Stefan hatte die schnellste Runde absolviert.

"Eigentlich dachte ich, es wäre in dieser Saison schon genug passiert. Dass mir in Fort William auch noch der Sattel brach, hat mich schon ziemlich frustriert. Zwei Wochen später bei der DM ging nix, so was von gar nix. Ich hatte Schnupfen bekommen und wahrscheinlich habe ich da auch nix mehr drauf gehabt, weil mir die Grundlage fehlte. Zu diesem Zeitpunkt war mir schon klar, dass ich mit der WM nicht mehr rechnen kann. In Grächen wollte ich einfach unbedingt mal schnell starten, weil ich ja sonst bei den Starts immer Positionen verliere. Bin einfach auf Krawall gefahren. Zwei Kilometer lang hat mein Ausflug gedauert.
Wegen des 24-Stunden-Rennens Mountain Mayhem musste ich zwar auf den Weltcup in Mont Sainte Anne verzichten aber es hat sich gelohnt. Die Atmosphäre dort war echt geil."







EM: Absoluter Tiefpunkt

bundesliga st. märgen: 6. - albstadt-marathon: 4.- marathon-em chies d’alpago: dnf - cross-country-em chies d’alpago: 48. - marathon-wm bourg d’oisans: 57.

Das Bundesliga-Rennen in St. Märgen beendete Stefan nach einem ordentlichen Rennen auf Rang Sechs. Im Vergleich zu seinem Sieg 2005 war das zwar kein Hit aber die Konkurrenz war auch viel stärker. Immerhin brachte ihm das noch die EM-Fahrkarte ein. Das BDR-Trainingslager in Livigno folgte und direkt danach der Albstadt Bike-Marathon. Dort hielt Stefan zwei Stunden lange in der Spitzengruppe mit, dann war Sense. Eine Woche später fuhr er aus einer schlechten Startposition bei der Marathon-EM bis in die Spitzengruppe nach vorne. Dort angekommen attackierte der spätere Europameister Ralph Näf und Stefan musste Federn lassen. Um sich für die Cross-Country-EM zu schonen, gab er das Rennen auf. Es hat sich nicht gelohnt. Rang 48 war eine ganz große Enttäuschung. Das Ergebnis bei der Marathon-WM in Frankreich war eine Art Nachhall-Effekt dieses Tiefpunkts.

"St. Märgen war nicht so schlecht obwohl ich den Puls nicht richtig hoch bekam. 164 Schläge im Schnitt sind einfach zu wenig. Nach den zehn Tagen in Livigno hatte ich das Gefühl, es hat was gebracht und in Albstadt konnte ich zwei Stunden lang gut mitfahren. Dann gingen mir die Lichter aus- vielleicht habe ich zu wenig gegessen. Bei der Marathon-EM bin ich ausgestiegen um Kraft zu sparen. Aber im Nachhinein hätte ich mir die Cross-Country-EM sparen können. Das war ein absoluter Tiefpunkt. Ich fand keine Erklärung, habe mich in Freiburg untersuchen lassen: ohne Ergebnis. Fünf Tage bin ich keinen Meter Fahrrad gefahren, habe mich richtig vergraben. Die Enttäuschung war so groß und ich musste mich erst mal wieder sammeln, ich hatte das Gefühl ich muss raus nehmen. Bin dann weder in Bern noch in Wetter gefahren. Dass es bei der Marathon-WM nicht gehen würde, war klar. Ich wusste schon vorher, ohne Training kannst du dort nicht bestehen. Ich habe richtig gelitten obwohl es kein wirkliches Renntempo war, das ich mit Moritz Milatz gemeinsam gefahren bin."









Aus dem Tälercup zum Höhenflug

tälercup in münstertal: 2. - weltcup in schladming: 16. - gp roel paulissen Genk: 3. - marathon-dm oberammergau: 2. - alb-gold-trophy: 2. - roc d’azur: 39. - bartbrentjenschallenge: 28.

Das erste Rennen nach einer Trainingsphase war der Tälercup in Münstertal. Die Konkurrenz war stark: Wolfram Kurschat, Jochen Käß und Tim Böhme waren ein guter Maßstab - am Tag nach seiner Geburtstagsfeier. Gegen Kurschat war kein Kraut gewachsen aber Stefan war als Zweiter nicht unzufrieden. In Schladming platzte dann der Knoten. Bis zur Hälfte des Rennens lag er noch auf Rang 26, dann katapultierte er sich noch auf Rang 16, dem zweitbesten WC-Ergebnis seiner Karriere. Es hätte noch besser werden können, wenn er sich nicht um eine Runde verkalkuliert und Kräfte gespart hätte. Rang Elf war nur 22 Sekunden entfernt. Auch der Grand Prix Roel Paulissen ging prima. Ohne große Ambitionen wurde er in Belgien Dritter und eine Woche später fehlten nur ein paar Meter zum großen Triumph. In Oberammergau wurde Stefan bei der Marathon-DM nur im Sprint von Hannes Genze geschlagen. Der hatte ein wenig mehr gepokert und die Zielpassage besser im Kopf als Stefan. Wie gut seine Form zum Saisonende war, zeigte er eine Woche später bei der Alb-Gold-Trophy als er, erneut erst im Finish geschlagen, hinter Tim Böhme Zweiter wurde. Roc d’Azur und die Bart-Brentjens-Challenge waren dann nur noch als Schaulaufen gedacht.

"Ich habe nach der Marathon-WM richtig angefangen zu trainieren. Klassischer Saisonaufbau mit viel Grundlage, K3 und Kraftprogramm. Alles mit dem Weltcup-Finale im Kopf. Ich wollte schauen was noch geht und hatte im Hinterkopf, dass die Konkurrenz durch den Reisestress bei der WM zu tun haben und zum Teil vielleicht Motivationsprobleme haben wird. Ich wollte auf jeden Fall ein gutes Weltcup-Ergebnis fahren. Ich hatte zum Schluss Reserven, weil ich dachte, es geht noch eine Runde länger und es ärgert mich. Platz Elf wäre sicher drin gewesen, die habe ich alle vor mir gehabt und selbst Platz Sieben war nur eine Minute entfernt. Um Platz 15 habe ich gegen Martin Gujan gar nicht gekämpft, weil ich dachte es geht noch eine Runde.

Eine Woche später beim GP Roel Paulissen hatte ich auch wieder gute Beine. Das Finale bei der Marathon-DM war eine komische Situation. Als Nicke durch den Sturz zurück gefallen ist, wollte ich ihn nicht mehr heran kommen lassen. Hannes hat gepokert und hat mich mehr Führungsarbeit machen lassen. Ich habe ihm zwar gesagt, er soll aufhören mit Pokern aber er hat trotzdem nicht so viel Führung gemacht. Ich konnte mit der Situation nicht umgehen, die hat sich für mich so noch nie gestellt. Wäre ich gegen Nicke das Finale gefahren, wäre es anders gewesen. Aber mit Hannes trainiere ich viel, das ist eine besondere Beziehung. Es war irgendwie eine unklare Situation für mich. Und dann habe ich auch die Zielankunft nicht genau im Kopf gehabt. Naja, als am ersten Berg die Chili-Spaghetti vom Vorabend im Bauch rumort haben und ich bereits eine Minute hinten war, da habe ich nicht an eine Medaille gedacht.

Bei der Alb-Gold-Trophy hatte ich gleich gute Beine und habe halt im Finish gegen Tim den Kürzeren gezogen.

Meine persönliche Lehre aus der Saison: Ich habe gesehen, was ich mit drei Wochen konsequentem Training für einen Leistungssprung machen kann. Das ist das Positive an diesem Jahr und es ist Motivation für das Nächste!"





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