Hundemüde Rennfahrer

 

 

2006-04-18 Monika Sahm

 

 


Als passionierter Hundehalter hat man ja nur indirekt mit Radrennsport zu tun. Nämlich dann, wenn ein verschreckter Pedalist einem von Jagdlust gepackten Canis Familiaris zu entkommen sucht, der sich an seine Radlerfersen geheftet hat. Da dies zum Glück nur selten und dann in fernen Ländern passiert, mit Hunden, die jeglicher Erziehung entbehren, will ich darauf nicht näher eingehen. Was aber haben nun unsere Hunde mit Radrennfahrern gemeinsam?

Nun, erstens, sie sind Rudeltiere (Rennfahrer auch, zumindest am Start). Zweitens, sie beherrschen die Kunst der Körpersprache bestens (Rennfahrer auch, wenn es darum geht, den Gegner vom Rad zu fegen).

Und drittens: Sie gähnen. Beim Hund ist das ein in der Verhaltensforschung unter dem Begriff „Beschwichtigungssignale“ bekanntes Phänomen (Lesen Sie hierzu Turid Rugaas „Calming Signals“)

Folgende Situation: Unsere Deutsche Dogge Tom sitzt gemeinsam mit Dackel Wasti im Kofferraum eines Renault Twingo (oder jedes anderen Kleinwagens). Für die Dogge ist das körperlich recht unangenehm. Der Dackel aber befindet sich in einer äußerst prekären Lage. Was macht jedoch die mit Artgenossen gut sozialisierte, friedliebende Dogge? Anstatt Wasti zu verspeisen, gähnt sie herzhaft und signalisiert so dem Schwächeren, dass er trotz Enge nichts Böses zu erwarten hat. Man kann dieses Gähnen auch als „Deeskalationsgeste“ bezeichnen.

Ein weiteres Beispiel: Golden Retriever Sam steht samt Frauchen im schmalen Hausflur in Erwartung seines Morgenspaziergangs. Er weiß, es geht gleich los, der Ball ist schon in der Jackentasche von Frauchen, aber es dauert einfach alles viel zu lange. Sam steht unter Hochspannung, will raus, möchte losrennen. Was macht er da? Er gähnt. Das baut wunderbar Stress ab, der Körper entspannt sich etwas und Sam kann es aushalten, bis es dann endlich losgeht.

Es gibt auch Situationen, in denen der Hund durch Gähnen anzeigt, dass ihm etwas unangenehm ist und er gerne dem Ganzen entkommen möchte, ohne jedoch von seinen Waffen Gebrauch zu machen. Ein typisches Beispiel ist das Trimmen (= Frisieren) beim Hund. Der folgsame Hund lässt so etwas gelassen über sich ergehen. Zupft aber Herrchen doch mal etwas unsanft am Ohr, kann dies das uns nun schon wohlbekannte Gähnen auslösen: „Bitte, ich weiß ja ich muss stillhalten, aber – bist du nicht bald fertig?“

Man sieht also, alle diese Beispiele haben eines gemeinsam: es soll eine mehr oder weniger bedrohliche oder unangenehme Situation „entschärft“ werden.

An dieser Stelle kommt nun unser Radprofi wieder ins Spiel. Werfen wir einen Blick auf das Geschehen am Start eines Cross Country Rennens: Mehr als hundert unter Hochspannung stehende Radprofis drängen sich vor der Startlinie, bemüht, etwas weiter vorn als der ihnen zugewiesene Startplatz zu stehen. Eine Adrenalinwolke schwebt fast sichtbar über den Köpfen der Sportler, die Auge in Auge mit dem Gegner versuchen, das innere Gleichgewicht zu halten. Keine Möglichkeit auszuweichen und zu früh, um dem Rivalen vor versammelter Presse ordentlich eins auf den Helm zu geben. Keine Chance auch nur annähernd den Individualabstand von einem bis eineinhalb Metern einzuhalten (das Starterfeld wäre dann unter Umständen kilometerlang). Was tut der gut sozialisierte Mensch da: GÄHNEN. Ein Signal, das der Nachbar sofort versteht. Übersetzt bedeutet es ungefähr: Hey, ich bin der Platzhirsch hier, du hast meinen Individualabstand längst unterschritten, deshalb werde ich dich nachher in den Schlamm fahren. Aber für den Moment, GÄHN, lass es gut sein, schauen wir, dass wir möglichst ohne größere Blessuren vom Start weg kommen!